WELLNESS AUF DEM JAKOBSWEG

WELLNESS AUF DEM JAKOBSWEG AUF DER SUCHE NACH DER EINFACHHEIT

WELLNESS AUF DEM JAKOBSWEG

QUELLE: https://www.jakobsweg.de/bedeutung/

Ästhetisch gleicht das vierteljährlich erscheinende Magazin seinen Lebensstilvorbildern: Fotos üppiger Kräuter und dekorativer Blumen auf hochwertigem Papier, farbensatte Stillleben mit Segenssprüchen; der Schlager Laudato Si ist so dekorativ gedruckt, dass man ihn sich ohne weiteres rahmen lassen könnte. Dass man im Rätselteil des Heftes einen Schlüsselring von Manufactum gewinnen kann, wundert dann auch nicht mehr.

Wo wird Der Pilger wohl in der Bahnhofsbuchhandlung zu finden sein, wenn er vom Neuheitentisch runter muss? Im Segment Garten und Natur oder doch in der Wellnessecke, zwischen Slow und Flow? Das Cover der ersten Ausgabe zeigte eine beschwingte blonde Wandersfrau in karierter Hose im saftig grünen Laubwald: Unterwegs zu mir. Fastenwandern für Leib und Seele. In der soeben erschienenen zweiten Juni-Ausgabe labt sich die Wanderin im sommerlich hochgekrempelten Karohemd an einer Quelle. Titel: Endlich mal durchatmen.

Es geht viel um Gesundheit und ein schönes Leben in Einklang mit sich selbst in Der Pilger. Schwerpunktthemen wie Fasten werden nicht nur mit Blick auf die Gesundheit erörtert („Nehme ich durch Fasten ab? Ja.“), sondern auch aus der Perspektive von vier großen Religionen informativ vorgestellt. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Christentum, es gibt aber keine Fixierung auf dessen Spiritualität. Dieses Heft will Christen und Nichtchristen einladen, Muße, Achtsamkeit und ein bewusstes Leben zu entdecken: „Liebe Leserinnen und Leser, gönnen Sie sich mit unserem Magazin eine Pause, eine kleine heilsame Auszeit.“

Sehnsucht nach Unverfälschtheit von Natur und Mensch

Der Pilger übernimmt seine anheimelnde Optik von den klassischen Wellnessmagazinen. Der Gestus authentischer Lebensführung braucht keine Inhalte, kennt keine Kontroversen, hat kein Gespür für die Ernsthaftigkeit des Lebens, sondern will all das mit einem auf die Dauer nervigen Harmonieideal überdecken. Ob man gegen Plastikmöbel und für Holzeinrichtung schwärmt, weil man kapitalismuskritisch, umweltfreundlich, ästhetisch anspruchsvoll ist oder weil man heimatbewusst die Natur oder gar die AfD wertschätzt: Die Ästhetik ist dieselbe.

 Auch die Bilder im Pilger stehen für diese Sehnsucht nach Unverfälschtheit von Natur und Mensch, die allerdings eine ziemlich naive Fantasie der Neuzeit ist und außerdem mit dem Christentum nicht viel zu tun hat. Auf folgende Worthülsen kann sich vermutlich jeder einigen: „Pilgern heißt, den Weg der Sehnsucht zu gehen.“ Doch wie passt das Kreisen um den eigenen Lifestyle und die eigene Ausgeglichenheit zu der Auseinandersetzung mit einer Religion, deren Aufgabe darin bestehen sollte, Menschen zu einem Leben im Dienste seines Nächsten anzuhalten und nicht, sein Selbstmanagement zu optimieren?

Ist dieses Heft nun apolitische Anbiederung an den modernen Wellnessanhänger, bei der die Religion zur Hintergrundkulisse verkitscht wird? Oder ist es umgekehrt eine erfolgreiche Übersetzung der Pilgerkultur in Magazinform, welche ja in den vergangenen Jahren Mainstream geworden ist, wie nicht nur Hape Kerkelings Bestseller Ich bin dann mal weg zeigt?

Die christliche Pilgertradition vermeidet es eigentlich, egozentrische Wohlfühlechoräume aufzubauen, bei denen die eigene Bereicherung der Maßstab des Erlebens wird. So wie die kirchliche Hochzeitsliturgie aus der katholischen Eheschließung keinen romantischen Seelenstriptease macht, sondern die Hoffnung auf Gelingen neben die Vermutung stellt, dass man das Glück letztlich nicht selbst herstellen kann, so ist auch Pilgern in der christlichen Tradition nicht primär ein beruhigender „Weg zu mir“, sondern ein Aufbruch ins Ungewisse, in die Einsamkeit und eine Umkehr. Darüber könnte man in einem Heft wie diesem ruhig reflektieren, ohne die andere Seite – die beruhigende und bestärkende – zu vernachlässigen. Doch die Fremde wird im Pilger ausnahmslos positiv dargestellt. Der Weg ins Unbekannte führt geradewegs in die innere Mitte, und die ist gut ausgeleuchtet.

Doch Pilgern hieß früher sowohl, sich der Gewalt der Fremde zu unterwerfen wie auch, sich die Fremde mit Gewalt zu unterwerfen. Dass dies nicht thematisiert wird, ist vor allem in der zweiten Ausgabe ärgerlich, denn diese widmet sich dem Pilgern nach Jerusalem, einem der ältesten und problematischsten Pilgerziele der Christenheit. So wie das erste Heft Ostern und die Auferstehung thematisierte, ohne den lästigen Karfreitag und die Idee des Todes Jesu zu benennen, wird hier nun Jerusalem als „Schmelztiegel“ der Kulturen verklärt, ohne die Gewaltgeschichte der christlichen Märsche auf die Stadt zu reflektieren. Weder die Kreuzzüge noch all die anderen Unterwerfungsfantasien, die mit der christlichen Jerusalembegeisterung verbunden sind, werden skizziert. Wer Religion ernst nimmt, kann Jerusalem nicht ohne diese historischen und politischen Ambivalenzen betrachten.

Religion nur als Trostpflaster

Eines jedoch muss man dem Heft lassen: Es gelingt der Redaktion, die Sprache, den Ton, die Ästhetik und auch die Lebenswelt einer kulturellen Gruppe zu treffen. Einer Gruppe von Menschen, die sich für spirituelle Themen interessiert oder bereit ist, sich auf den Pilgerweg zu machen, sich aber von den Angeboten der Kirche nicht angesprochen fühlt.

Wie christliche Lebenswelten in zeitgeistige kulturelle Formen wie Achtsamkeit, Wanderlust und Naturerleben übersetzt werden, ist eine respektable Leistung. Wenn es dem Magazin künftig gelänge zu zeigen, dass religiöse Erlebnisse nicht nur Akte der Selbstoptimierung sind, könnte es tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal erlangen.

Quelle:http://www.zeit.de/kultur/film/2017-05/der-pilger-magazin-christen-lifestyle/seite-2

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